Erleuchtete Gänge, dunkle Gassen

Erleuchtete Gänge, dunkle Gassen― Eine kurze Ansprache von Tashi Nyima an die ökumenische Allianz ″Richardson Interfaith Alliance” (TX) während der Festlichkeiten zum amerikanischen Erntedankfest Thanksgiving.

Es gibt im heutigen Programm ein Zitat, welches lautet “Nachdem wir das Töten von Leben aufgegeben haben, vom Töten von Leben Abstand genommen haben, leben wir ohne Gewalt, das Messer aus der Hand gelegt, gewissenhaft, voller Gnade, zitternd vor Mitleid für alle empfindsamen Wesen.” ― Buddha Shakyamuni

Wenn die Leute an buddhistische Mönche denken, sofern sie überhaupt über uns nachdenken, dann stellen sie sich vor, dass wir in Wolken von Weihrauch leben, gelassen vor uns hinlächelnd, unbeirrt, in Meditation über das Nichts. Aber, wie Sie gerade gelesen haben, sind wir nicht dazu aufgerufen, gemütlich durch die Leere zu treiben, sondern stattdessen ″vor Mitgefühl für alle empfindungsfähigen Wesen zu erzittern”.

Ich hielt die Erwähnung des ”Zitterns” nur für eine rhetorische Floskel, bis ich eines Abends, als ich mit meinem Lehrer von einem Besuch bei Flüchtlingen zurückkam, durch eine dunkle Gasse musste und die Angst- und Schmerzensschreie eines Jugendlichen hörte, der von einer Gruppe Männer verprügelt wurde.

Ohne zu zögern, hat sich mein Lehrer den Männern genähert, mit einem breiten Lächeln im Gesicht, und die Männer gefragt, ob es nicht viel 'lustiger' sei, zwei buddhistische Mönche zu verprügeln statt eines jungen Mannes. Ich habe nicht breit gelächelt. Ich habe überhaupt nicht gelächelt. Sie müssen wissen, buddhistische Mönche schwören, keine Gewalt anzuwenden, sich sogar nicht einmal selbst zu verteidigen. Wir kämpfen nicht. Wir würden verprügelt werden.

Überraschenderweise hörte das Prügeln auf, die Männer lachten nervös, stießen einige ausgewählte Obszönitäten aus, und verschwanden. Vielleicht dachten sie, wir wären Shaolin-Mönche, die bereit seien, ihre geheimen Kung-Fu-Tricks gegen sie einzusetzen...

Nachdem wir uns vergewissert hatten, dass der junge Mann in Sicherheit war und in der Obhut der Sanitäter, fragte ich meinen Lehrer, ob er gewusst hatte, dass wir nicht zu Schaden kommen würden. Er antwortet, dies nicht gewusst zu haben, aber letztendlich hätten wir nur ein paar Schläge einstecken müssen, so dass der junge Mann nicht alle Schläge abbekommen hätte. Und dann hat er mir ganz nüchtern mitgeteilt, dass es unsere Pflicht sei, wann immer wir mit Leiden konfrontiert würden, einzuschreiten, und uns zwischen die zu stellen, die Leid zufügen, und jene, die Leid erdulden müssen.

Ich bin heute Abend nicht hier, um pathetische Binsenweisheiten von mir zu geben, sondern um im Weg zu sein. Nicht aller Missbrauch findet in dunklen Gassen statt. Viel unsägliche Grausamkeit findet statt in hell erleuchteten Gängen, in denen wir das Fleisch von Tieren kaufen, ihre Eier, ihre Milch, ihre Haut, ihre Wolle, ihre Federn und ihren Pelz. Diese hell erleuchteten Orte verhüllen die grauenvolle Dunkelheit, in der die Tiere gefangen gehalten werden, versklavt, gequält, und geschlachtet zu unserem Vergnügen. Ich werde nicht all die blutigen Details vor Ihnen ausbreiten, aber die grauenvolle Wahrheit ist da und kann von allen von Ihnen gesehen werden, sonnenklar.

Was ist es, das uns dazu bringt, dass wir manchen Lebewesen Mitleid entgegenbringen, anderen jedoch nur Geringschätzung? Ist es Intelligenz? Ist es die Fähigkeit zu sprechen? Sind es die Taten, die wir ausführen? Nein. Sind wir nicht dazu aufgerufen, Mitleid zu empfinden für die Langweiligen, für die Dummen, die Schwachen, die Behinderten? Sie sind es Wert, dass man Mitleid mit ihnen hat, weil sie empfindungsfähig sind. Sie leiden, sie empfinden Schmerz.

Das Bestreben, nur das Leiden von Menschen zu vermindern, ist nichts als erweiterte Selbstsucht. Sind wir nicht durch all die Heiligen, die Propheten, die Lehrer aller Religionen dazu aufgerufen, uns um alle zu sorgen, selbst für die Geringsten unter uns? Hat Jesus Christus nicht gesagt: ″Wahrlich, ich sage Euch, was Du nicht für den Geringsten unter ihnen getan hast, das hast Du mir nicht getan”?

Ich bin heute Abend nicht zu Ihnen gekommen, um Sie zu verurteilen, sondern um Sie inständig zu bitten, Ihren Blick mit Mitgefühl auf ALLE unsere Mitgeschöpfe zu lenken, menschliche und nicht-menschliche. Wenn wir die Grausamkeit, die sie erleiden müssen, nicht verhindern können, sollen wir zumindest kein Leid zu unserem Vergnügen zufügen lassen, bezahlt mit unserem Geld, ausgeführt in unserem Namen.

Wir können nicht ernsthaft von Mitgefühl sprechen, so lange wir unsere empfindungsfähigen Mitgeschöpfe gefangenhalten, missbrauchen und umbringen. Mitgefühl beginnt in unseren Einkaufswägen, in unseren Schränken, in unseren Küchen, auf unseren Tellern.

Wenn ich Ihnen Unbehagen bereitet habe, bitte ich um Entschuldigung. Ich bin nicht hier, um zu kämpfen, sondern um in die Quere zu kommen. Ich stehe demütig vor Ihnen, so wie es der Buddha lehrte, und zittere vor Mitgefühl ... für Sie und für alle Wesen. Mögen alle die Einheit von Weisheit und Mitgefühl erlangen!

om mani peme hum

 

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